Achtung! Gefährliche Leseprobe des RUNA Epos.

Einen wunderbaren Montag, meine Lieben. Heute hat mich der Deibel geritten und ich habe beschlossen euch eine Leseprobe von “RUNAIII – the Forgotten” (VOR SchluSS-korrektur) online zu stellen. Es ist `the story before` und … liest selbst. Viel Spaß!

© By Tom Schopper

Ein ROMAN der RedTroll Serie: RUNA —> gibts #HIER

IMG_1712KAPITEL 1

Sein Kopf schmerzt seit geraumer Zeit nicht mehr, traurig aber ohne sichtbare Emotionen zählt er die scharfen Messer auf dem Tisch vor sich. Kurze Blitzlichter seines bisherigen Lebens huschen vor seinem geistigen Auge in harter Einzelbildfolge, hin und her. Das Klopfen an der Türe registriert nur sein Unterbewusstsein, aber es gibt die Infos nicht mehr weiter, denn es ist bald soweit. Bald … Das Telefon hat er schon ausgeschaltet, ganz wie sich selbst. Über sein 36 jähriges Gesicht huscht ein kurzes Lächeln, als er im Film seines Lebens die Geburt seiner Tochter sieht, dicht gefolgt von den vielen Versprechen der Frauen in seinem Leben, die ihm versprachen, ihn nicht anzulügen. Sein Gesicht wird hart und er schlägt sich mit der Faust ins Gesicht, denn er will nicht weinen … nie mehr wieder. Er beugt sich mit einem leisen Stöhnen vor und dreht die Stereoanlage lauter, denn es spielt Falco … Out of the dark. Wieder huscht ein leichtes Grinsen über sein Gesicht, … the dark … der Platz wo er bald sein wird. Der Platz, an dem es keine Lügen oder falsche Geschichten gibt. Keine Verleumdungen, keine Menschen, die nur sich selbst sehen. Nach seiner Theorie sollte er in seiner Wunschwelt aufwachen … nachdem er sich für ein Messer entschieden hat. Bald … Neben den großen Messern liegt ein leeres Blatt Papier, mit ausdrucklosen Augen starrt er nun darauf. Eigentlich wollte er seinen letzten Willen darauf schreiben, aber nun merkt er, dass er eigentlich gar nichts zu vererben hat. Wieder huscht ein Lächeln über sein leeres Gesicht. „Wixxer!“, lacht er, als er an die Schulden denkt, die er bei den Banken hat. Als er vor Jahren seinen Job verlor, setzten sie ihn auf eine verbotene Bankenwatchlist und er bekam nirgends mehr ein Girokonto. Also Arbeitsverbot … sie wollen ihr Geld und verbieten bzw. erschweren dir das Arbeiten. Er findet, dass er in so einer Welt nix verloren hat. Das ist nicht sein Planet. Dabei hatte es doch vor Kurzen so ausgesehen, dass er seine Traumfrau gefunden hatte, aber leider hatte es nur so ausgesehen. Bald … Er starrt weiterhin auf den Zettel und dann wieder auf die Messer, nicht, dass er Angst vor dem letzten Schritt hat. Nein, er kann sich einfach noch nicht entscheiden welches Messer er nehmen soll. Soll das Raftguidemesser, das von IKEA oder das Militärmesser der Fahrschein für die letzte Reise sein? Dann bleibt sein Blick wieder auf dem leeren Blatt Papier kleben. Nein, ohne geistreiche Wortmeldung will er nicht gehen. Er möchte es ihnen noch einmal sagen, was er von ihnen und ihrem Tun hält. Aber er ist sich nicht mehr ganz so sicher, ob er dies eigentlich noch will. Nicht das Benutzen der Messer, sondern das Schreiben. Er dreht Falco noch lauter auf, bis seine Nachbarin gegen die Mauer klopft, aber die soll ihren Schlitz halten, denn sie singt von früh bis spät. Opern, Mezzosopran, also die Stimmlage, in der die Gläser zerbrechen. Wieder huscht ein Lächeln über sein Gesicht, denn er denkt daran, dass er sicher erst in 3-6 Monaten gefunden werden wird. Zeit genug, um hier die Hütte bleibend zu verstinken. Freunde hat er kaum, viele sagen sie sind es, aber keiner fragt nach, wie es ihm geht oder ob er noch lebt. Freunde eben. Nur einer ist aufrecht … Walter. Zwar immer auf Achse aber dennoch ohne Lüge … eine Ausnahme. Vielleicht wird er ihn eines Tages in seiner Welt treffen. Die Welt, die er bereit ist, demnächst zu betreten. Swartalfhaim. Er hat dort noch etwas zu erledigen, aber das erzähle ich euch später, wenn es sich noch ausgeht … zeitlich … denn ich werde mit ihm gehen. Dorthin wo die Sonne niemals scheint. Dorthin wo Kreaturen herrschen, die selbst den Teufel der katholischen Kirche sich spontan anpissen lässt. Vor Angst natürlich. Swartalfhaim ist nicht das letzte Ziel seiner Reise, aber dort hofft er den Hort der Lügen und des Bösen zu finden, das alle Welten mit dunklem Schleier belegt. Eigentlich sollte er schon seit vier Jahren tot sein, eigentlich … Bald … Er spürt, wie sein Magen wieder zu zucken beginnt, und ihm der blutige Durchfall die Innenschenkel herab läuft. Es scheint ihm egal zu sein, denn dorthin wo er gehen will braucht er nicht gut gekleidet zu sein. Swartalfhaim. Bald … Der Zettel vor ihm ist noch immer leer, im Gegensatz zu seinem Kopf. Dort herrscht jetzt reger Betrieb, soll er noch eine Schuldzuweisung abgeben? Nein … Sein Leben, seine Schuld. Swartalfhaim … Bald … Aber vielleicht doch ein kleiner Seitenhieb auf die korrupte Gesetzgebung oder Polizei. Nein. Sein Leben, seine Schuld. Er schließt die Augen, es spielt Falcos “kann es einmal Liebe sein?“ Eine weitere Träne verlässt sein Auge, der zweite Schlag sitzt besser als der Erste und die Tränen versiegen. Er nimmt den Stift in die Hand und beginnt mit krakeliger Schrift zu schreiben …

Die Geburt

Hell, kalt … brrr. Wieder zurück will. Geht nicht. Frau mit ruhiger lieber Stimme streichelt meinen Kopf und meinen Rücken. Mutter. Kalte Hände nehmen mich weg von der warmen Stimme. Die Hebamme. Noch kältere Hände packen mich in eine warme Decke. Die Kinderschwester. Wenn dies so weitergeht, greift mich die ganze Menschheit an. Bin müde, schlafen will, schlafen tue. Eine dunkle liebe Stimme weckt mich zugleich mit einem brennen im Bauch. Papa und Hunger. Papa hab ich lieber. Schneller Entschluss nie bereut. Wieder die liebe helle Stimme. Mama. Komme auf Mamas Haut, etwas Warmes wird mir in den Mund gedrückt. Mamas Nippel. Logo, ich sauge, was der Unterdruck hergibt. Lecker. Mama mag ich auch. So geht es die ganze Zeit. Der Himmel. Plötzlich wird es hell. Ein großer Mann, viel größer als Papa füllt mein Gesichtsfeld ganz aus. Wo ist Mamas Nippel? Statt Mamas Nippel nimmt der Mann seinen glänzenden Hut ab. Es sind große Federn darauf. Er sieht mich liebevoll an, dass ich sofort mit dem Weinen aufhöre. „Du bist es also“, sagt er zu mir, was will er bloß von mir? Ich will Mamas Nippel, trinken und spielen. Er legt seinen glänzenden Hut neben mich, der Hut ist so groß, dass ich ganz hineinpasse. Er riecht nach Schweiß, ich nach Kacke. Wo sind die kalten Hände, die mir meinen Arsch immer so liebevoll abwischen, bevor sie mich in die kratzende Windel stecken? Und wo sind verdammt noch mal Mamas Nippel? Ich hab Hunger, Durst und ich brauche Liebe. Der große Mann nimmt mich in seine Arme, mir wird schlecht, aber ich kotze nicht. Mamas Nippelmilch geb ich nicht her. Der lange Lulatsch wiegt mich hin und her, ich protestiere, aber er scheint mich nicht zu verstehen. Dafür beginnt er ein sanftes Lied zu singen.

b1966a„Freya, hegen yse Hedentra. Regin, Fafnir, Heimdallar. Har un up en Midgardir, Thund en har en Loddfafnir. Magni, Modi han Ödrörir, Sleipnir en han gallopir. Wali, Fenris, Odin en Walkür, Gjallr starir, Wallhal en Einherjer, Rangnarok han hel fririr.“

Mann werd ich müde, das Lied gefällt mir, aber warum läuft Wasser aus den Augen des großen Mannes mit dem silbernen Hut? Und wo ist Mama? Schritte an der Türe, sicher Mama mit ihren Nippeln, die mir meinen Hunger nehmen. Der Mann legt mich schnell wieder in mein kleines Bett. Er nimmt seinen silbernen Hut und setzt ihn sich wieder auf. Ich sehe wie an der Vorderseite seines komischen Hutes ein großes X rot leuchtet. Er küsst mir meine Augen und große Wärme fährt wellenartig durch meinen kleinen Körper. Seine Augen leuchten kurz in hellstem Weiß auf, es blendet mich und ich weine. Er beugt sich nochmals über mich und flüstert mir seltsame Worte in meine kleinen, kitzeligen Ohren. „Thar han upp reis er han aptr of kom … Vergiss es niemals.“

Ich habe keine Ahnung was er von mir will, aber der Hut gefällt mir. Da geht die Türe auf und er wird immer durchsichtiger, bis er ganz weg ist. Weinend protestiere ich, ich wollte den Hut meiner Mutter zeigen. Meine erste Enttäuschung des Tages, die zweite folgt am Fuße, denn es sind nicht Mutters Nippel, die durch die Türe auf mich zukommen. Sondern eine alte Frau mit ihren kalten Händen. Sie erzählt mir, dass ich ein kleiner Stinker bin und sie wischt mir die Kacke brutal, mit kalten Händen, von meinen Hintern. Ich protestiere. Meine Frage ob Mama heute noch mit ihren guten Nippeln vorbeikommt, scheint diese Frau mit den kalten Händen nicht zu verstehen. Egal, ich schlaf einmal eine Runde, denn für heute war eindeutig zuviel los. Aber ich will diesen glänzenden Hut zum Spielen haben. Ich verkneife mir die Frage danach, denn hier scheint mich außer Mutter keiner so richtig zu verstehen? Das Lied des großen Mannes mit den hellen Augen geht mir nicht mehr aus dem Kopf. „Hegen yse Hedentra. Regin, Fafnir, Heimdallar. Har un up en Midgardir, …“

Schlaf der traumlosen Art. Zumindest sehen die Drachen in meinen Träumen so echt aus, dass ich es real empfinde. Aber warum weiß ich dies alles? Bin doch erst grade einen Tag alt und kann mir nicht mal selbst ein Essen bestellen. Ich pinkle in meine grobe Stoffwindel und nass fühlt sie sich gar nicht so schlecht an. Mein Daumen findet den Weg alleine in meinen Mund und ich übe an ihm für Mamas Nippel. Wo bleibt sie denn so lange? Die Drachen fliegen aber lustig und sie fliegen über viele große Männer, die alle einen silbernen Hut aufhaben, so wie der Mann der so lieb gesungen hat. Große Stofftücher werden vor den Männern mit den silbernen Hüten hergetragen. Mann, hoffentlich bekomme ich bald was zu essen, noch kämpft der Hunger gegen die Müdigkeit an, noch …

Jetzt

Er starrt auf den vollen Zettel, er kann sich nicht mehr erinnern, was er geschrieben hat, aber er will es nicht durchlesen. Mit einem Stöhnen legt er den Stift weg und kramt die letzte Zigarette aus der nun leeren Schachtel. Hastig zündet er sie an, er bemerkt, dass seine Hände zu zittern beginnen, er wirft das Feuerzeug hinter sich, denn nun braucht er es nicht mehr. Tief inhaliert er seine scheinbar letzte Zigarette, sie schmeckt genauso beschissen wie die Tausenden zuvor. Er lächelt, denn bald ist er ewiger Nichtraucher. Bald … Er steht auf und geht zu seinem Kühlschrank, er hat großen Durst bekommen. Wie zu erwarten ist der Kühlschrank leer, wie zumeist. Er hat schon lange kein Geld mehr, seit die Banken ihm das Arbeiten massiv erschwert haben, weil sie ja ihr Geld zurückwollten … sonderbare Logik … aber bald … Swartalfhaim … Er nimmt sich statt dem erhofften Fruchtsaftes, ein Glas kaltes Wasser und trinkt es mit einem Zug aus. Ahhh, tut das gut. Bald …

#RUNA_Keller
#RUNA_Keller

Langsam mit schweren Schritten, die die Last sichtbar macht die auf seinen Schultern drückt, schlurft er zu einem alten Schreibtisch zurück. Er starrt die Messer auf dem Tisch an und ergreift das Raftingmesser und klappt es zusammen. Zuviel schöne Erinnerungen sind mit diesem Teil behaftet. Natur, Sport, ehrliche Menschen, hartes Wildwasser, kein Platz für Lügner und Blender … Nature rules. Nein nicht mit diesem. Er steckt es liebevoll in seine Hosentasche und lächelt ein wenig. Sein linkes Auge ist komplett zugeschwollen, gut so, keine Träne verlässt es mehr. Nicht in diesem Leben. Bald … Swartalfhaim … Surt … Bald …

Kindheit

Volksschule, die ersten Narben von Mitschülern und religiösen Lehrern. Katholiken, Juden, Atheisten … sie kennen nur eines, schlagen, schreien, fertigmachen. Gut, das ich zum Lernen da bin. Anscheinend wissen die es noch nicht, aber es passt gut zu den Schlägen, die ich daheim bekomme. Mutters Nippel sind gegen Mutters strenge Erziehung ausgetauscht worden. Es macht nix, die Welt in meinen Träumen ist schöner. Und noch immer zeigen sich in den Träumen Männer mit silbernen Hüten, die sich als schlichte Nordmannhelme herausgestellt hatten. Sie gefallen mir immer noch. Nur die Besuche des Fremden sind weniger geworden, er kommt nicht mehr regelmäßig. Immer seltener werden seine Besuche, aber was er zu sagen hat merke ich mir gut. Er meint, dass ich es einmal brauchen werde. Wenn er es meint, glaube ich ihm, denn er hat mich noch nie angelogen. Er sagt mir nie, was ich tun muss oder was ich lassen soll. Er sagt mir nur, dass ich mich nicht fürchten soll. Das will ich ihm gerne glauben. RUNA_2012_Sujets_1Der fette Pater XXXX und der Psychoklassenvorstand Rxxxx machen mir keine Angst mehr. Und wenn sie sagen, dass ich eine wertlose Kreatur bin, glaube ich es ihnen nicht, denn der große Mann sagt mir immer etwas anderes. Und ihm glaube ich mehr als alle Kinderschänder in Lehrergestalt. Wien – Schule … geht vorbei. Ich lebe seelisch noch, andere in meiner Klasse schalten sich ab. Plopp und weg. Ich kann es nicht, weil ich nicht darf. Der große Mann sagt mir, dass ich stark bleiben muss, denn ich hab noch angeblich viel vor mir. Na gut, ich bleibe auch stark als ich in die XXX in Wien Lxxxx gehe. Hier ändert sich außer, dass die körperliche Erniedrigung in eine psychische Folter mutiert, nichts. Egal, ich fürchte mich auch nicht, als sie mich zum Schulpsychiater schicken, denn sie wollen mich loswerden. Ich frage zu viel nach, dafür sind die Lehrer hier nicht ausgebildet. Dafür können sie schnell lesen und groß an der Tafel schreiben. Überraschung, nix ist es mit Rausschmiss wegen Dummheit, sie stellen einen hohen IQ fest, und somit fliege ich wegen Überbegabtheit. Toll, aber ich fürchte mich nicht. Direktorin Mxxxxs und Fachlehrerin Txxxr geben mir in dieser Schule den Rest. Also muss der Kluge ungebildet bleiben in dieser Welt, die Dummen bleiben, und gehen dann in die Politik. Dort können sie wenigstens keinen großen Schaden anrichten … Lacht. Irgendwie funktioniert die Evolution bei den Menschen nicht mehr so richtig. Egal, ich fürchte mich nicht. Ich reagiere mich beim Fußballspielen ab, in der Schulmannschaft schieße ich mit 10cm Plateauschuhen 9 Tore am großen Spielfeld, am nächsten Tag werde ich vom FC-XXXX entdeckt und darf dort auch recht brav ballern. Und … … ich fürchte mich nicht. Auch nicht, als ich rausgeschmissen werde, weil ich einem Dummkopf namens Gxxxx die Meinung gesagt habe. Sein Vater sponsert den Verein, und er will mich nicht mehr. Ok, der beste Torschütze der Unterliga Süd geht eben. FC XXXX steigt ab und ich gehe lieber in den Urwald, der gleich an unseren Wohnhäusern grenzt, spielen. Abenteuer, Lager und Baumhausbau. Bis wir, meine Kumpel und ich einen alten Zugang zu einer uralten Ruine entdecken. Sie führt in die alte Brauerei XXXXX. Es sind noch die alten verrosteten Maschinen darin und es geht, wie wir später entdecken 5 Stockwerke in den Keller. Angeblich war es im 2. Weltkrieg eine alte Flugzeugersatzteilsfabrik. Gerüchte unter den Kindern laufen, die besagen, dass eine alte STUKA noch im letzten Untergeschoß steht. Wir suchen zwei Jahre den Zugang in die Untergeschoße, wir finden ihn endlich in einem alten Bunker, auch ein paar Schädelknochen und deutsche und russische Feuerwaffen, die leider zu verrostet sind, um damit Unfug anzustellen. Wir betreten Welten, die voll mit Spinnweben und dunkler Schatten sind, Orte, an denen kein Echo vordringt und Kammern, in denen der Tod noch riechbar ist. Wir kommen immer tiefer, im 3. Jahr sind wir schon im 4. Untergeschoß und hier finden wir viele Knochen – Ex Menschen. Und ich fürchte mich nicht. Genau am dem Tag an dem wir uns auf eine große Expedition in den 5. Untergeschoß aufmachen wollen, verursachen kleine Kinder einen Großbrand in der Ruine, und die Feuerwehr versiegelt alle Eingänge. Unseren Frust lassen wir an den Burschen der konkurrierenden Nachbaranlage aus. Jede Menge blaue Augen … hüben wie drüben … und ich fürchte mich nicht. Am nächsten Tag gehe ich alleine zur Ruine zurück, und finde einen geheimen Zugang. Ich muss 200 Meter durch einen engen Schacht auf dem Bauch robben, bis ich in der Großen nach Brand riechenden Haupthalle stehe. Ich checke alle Taschenlampen, es sind fünf. Die Batterien, es sind 34, meinen Wasservorrat, es ist eine Feldflasche und mein Pfadfindermesser, es ist stumpf. Ich bin bereit und fürchte mich … nicht.

Jetzt

Die Entscheidung kommt immer näher, es liegen nur mehr zwei Messer auf dem Tisch. Ikea und Militär, welch Unterschied. Das eine funktionell das andere nur scharf. Ist es für die letzte Reise nicht egal? „Nein! Ordnung muss sein!“ Er erschreckt, weil er seine Gedanken laut ausruft. Er hofft, dass er im Haus gehört wird, damit sie was zum Reden haben. Er hört ihre Stimmen, nicht die Stimmen der Menschen in seinem Wohnhaus, nein. Stimmen der Vergangenheit, vor seinen geistigen Augen tauchen die passenden Gesichter dazu auf. Gesichter, die er schon lange nicht mehr gesehen hat. Es sind auch Gesichter darunter, von Menschen, die er eigentlich nie mehr in meinem Leben sehen wollte. Gesichter, die er nur einem Wort zuordnet … Lügner. Er denkt nach über das Phänomen der Lügen, warum tun dies Menschen? Sie schaffen sich ja dadurch eine Parallelwelt, in der sie sich bald nicht mehr zu Recht finden werden. Alles verschwimmt dort, ist nicht mehr fassbar, nicht mehr verlässlich, nicht mehr liebenswert. Warum tun sie das? Er zuckt mit seinen Schultern. Ihr Leben, ihre Schuld … diesmal nicht seine. Er entspannt sich sichtbar, und wieder läuft Blut aus seinem Hintern. Diesmal ist es ihm unangenehm. Er überlegt kurz, ob er sich waschen soll, aber dann hört er wieder die Stimmen. „Jeder kackt sich beim Suizid an, also was machst du dir Sorgen?“ Er nickt und es ist ihm wieder egal. Mit einem lauten Stöhnen setzt er sich wieder vor seine Messer und starrt sie an. Aber sie reden nicht zu ihm. Kein „nimm mich“. Lauter Entscheidungen … bis zuletzt … aber … Bald … Stimmen der Vergangenheit offenbaren sich in seinem müden Gehirn. Stimmen, die er längst tief vergraben glaubte. Die Stimmen zaubern Erinnerungsfragmente in seinen Kopf und er beginnt sanft, mit seinem Oberkörper zu wippen. Seine Augen füllen sich mit Tränen. Nein, es ist nicht die Angst vor dem kurz Bevorstehenden, sondern es ist etwas anderes. Etwas was tief in ihm vergraben war. Etwas was er nie erwecken wollte. Dieses Etwas schien auf den geeigneten Zeitpunkt jahrzehntelang gewartet zu haben. Er hört abrupt mit dem Wippen auf und beginnt hemmungslos zu weinen. Sein dünner Körper erzittert unter der Wucht der Erinnerungen. Er sieht die Messer auf dem Tisch nicht mehr, denn seine Augen sind voller Tränen, die sich bereits ungehemmt ihren Weg – der Schwerkraft folgend – über seine Wangen bahnen. All dies bemerkt er nicht mehr. Seine Hände beginnen zu zittern, immer stärker, bis das Zittern auf seinen ganzen Körper übergeht. Er bemerkt auch nicht mehr, dass er vom Sessel fällt und auf dem harten Zimmerboden aufschlägt. Schaum tritt aus seinem zuckenden Mund und seine Augen verdrehen sich, bis nur mehr das Weiß sichtbar ist. Eine tief in seinem Unterbewusstsein verankerte Erinnerung bricht durch und das epileptische Zucken sind deren Wehen. Er hat das Hier und Jetzt verlassen und sein Geist bewegt sich durch die Zeit zurück. Zurück auf …

Die 1. Halle

„Mach endlich die Taschenlampe an“, höre ich eine helle Stimme hinter mir zischen. Es ist kalt und nur durch einen kleinen, weit entfernten Spalt, dringt ein schmaler Lichtschein durch die Dunkelheit. Ich drehe mich um und bemerke dabei, dass ich eine schwere Taschenlampe in meinen Händen halte. Wie automatisch drehe ich diese auf und der Lichtstrahl, der sich wie ein heller Finger durch die Dunkelheit bohrt, erhellt auch meine nähere Umgebung. Ich erkenne drei Gesichter. Gesichter, die ich schon lange nicht mehr gesehen habe, Gesichter aus einer anderen Zeit. Gesichter aus meiner Kindheit. Mir wird schwarz vor den Augen und ich falle.

Jetzt

Schweißgebadet wacht er auf. Er bemerkt, dass er auf einem harten Holzboden liegt. Seine Augen schmerzen und es dauert etwas, bis sie sich wieder an das Licht gewöhnen, dann erkennt er, dass er in seinem Wohnzimmer liegt. Jeder Muskel schmerzt, als er sich mühsam aufrappelt und langsam aufsteht. Sein Kopf dröhnt als wäre er am Tag nach einem kapitalen Vollrausch erwacht. „Was war das?“, fragt er sich selber, aber es ist niemand da mit dem er einen Dialog führen kann. Mühsam setzt er sich wieder an seinen Tisch und betrachtet die Messer, die dort liegen. Er starrt sie an aber sie geben ihm immer noch keine Antwort. Den Gedanken sich jetzt eine Kopfschmerztablette einzuwerfen verwirft er mit einem kleinen Lächeln, denn es wäre ja sehr sonderbar sich am Tag seines Suizids noch um Kopfschmerzen Sorgen zu machen. Die ultimativen Tabletten liegen auf dem Tisch vor ihm. Seine Messer. Er fragt sich, warum diese Erlebnisfragmente ihn jetzt heimgesucht hatten. Die Geschichte mit dem Leben, welches in einem Film vor einem sterbenden Menschen ablaufen soll, amüsiert ihn kurz. Denn er hat sich immer noch nicht entschieden, welches Messer es tun soll. Also vom Sterben noch etwas entfernt. Er zuckt mit seinen Schultern und starrt wieder die Messer an. Ikea oder Militär? Gedankenverloren erhebt er sich mit einem lauten Stöhnen, dann bewegt er sich mit schleppenden Schritten auf den kleinen LCD Fernseher zu und wie automatisiert schaltet er ihn ein. Sofort plärrt lautstark Werbung durch die kalte Wohnung. Kurz zuckt er zusammen, dann schaltet er mit einem lauten Fluchen auf einen anderen Kanal. Das Programm dort ist auch nicht besser, denn irgendein Politiker erklärt gerade, in einer live Sendung, dass die Bürger mehr Moral zeigen sollten. Mit einem Tritt verschafft er dem TV-Gerät ewige Befreiung, eigentlich hat er genau auf das Gesicht dieses Trottels gezielt. „Welche Moral? Die Moral, die ihr Verbrecher uns vorlebt?!“, schreit er dem sterbenden Fernseher hinterher. Müde schlurft er wieder auf seinen Sessel zu, und kurz bevor als er sich setzen will, sieht er wieder das Gesicht eines seiner Jugendfreunde welches er in seinem Tagtraum, oder was auch immer das auch war, gesehen hatte. Der Name des Jungen liegt ihm auf der Zunge, aber er fällt ihm nicht mehr ein. Kurz schweifen seine Gedanken weiter ab. Schweifen in eine Zeit, in der er noch ein kleiner Junge im Alter von 11 Jahren war. Eine Zeit, die ihm als schön in Erinnerung geblieben war. Eine Zeit, in der er sich geborgen gefühlt hatte. Eine Zeit in der er noch … Er stutzt kurz, denn irgendetwas stimmt hier nicht. Wie kann ihm nur der Name des Jungen entfallen sein? Er, der sich immer an fast alles aus seiner Jugend erinnern kann. Demenz und Co hatten Gott sei Dank einen großen Bogen um ihn gemacht, aber das wäre jetzt auch schon egal. Er schielt wieder auf den Tisch und sieht die Messer. Seine Hand schnellt nach vor und packt das Ikea Messer. Fragend starrt er es an, dann wirft er es wieder auf den Tisch zurück. „Das muss genau überlegt sein“, sagt er wieder selbst zu sich. Seine Gedanken machen einen weiten Sprung in die Zukunft und er sieht die Männer der Bestattung die seinen Leichnam aus der kalten Wohnung abholen. Er hört auch die Gespräche zwischen den beiden Beamten. Genau vernimmt er die höhnischen Bemerkungen, die ihn lächerlich erscheinen lassen. „Mit einem Ikea Messer, stell dir das vor. Wie tief muss man sinken, um sich das anzutun?“, sagt Beamter A. „Egal pack an, damit wir schnell nach Hause kommen“, antwortet B. „So eine arme Sau“, seufzt A und packt mit an.

Das reicht ihm, weit reißt er seine Augen auf. Nein, dies will er nicht. Früher war ihm immer egal was andere über ihn denken und sagen, aber jetzt … „Nein!“, schreit er auf und schnappt sich das Ikea Messer und schleudert es quer durch den Raum. Zitternd bleibt es in der Holztüre stecken. „Na also“, murmelt er und schnappt sich beim Niedersetzen das Militärmesser und klappt es andächtig auf. Ohne viel zu überlegen setzt er es an seinem linken Handgelenk an. Er sieht fasziniert zu, wie die scharfe Messerspitze in die Haut eindringt und ein kleiner Blutstropfen aus der kleinen Wunde herausquillt. Hörbar tief atmet er ein und schließt die Augen. Er ist bereit sich das Messer in die Hand zu rammen und sich die Schlagader vom Ellbogen bis zur Handwurzel aufzuschlitzen. „Drei … zwei …“, er beginnt, den Countdown seines Todes zu zählen. „Und eins macht …“ „Günther!“, schreit er. Wie aus dem Nichts ist ihm der Name des Jungen wieder eingefallen. Das Messer fällt ihm aus der Hand und mit einem lauten Klirren landet es auf dem Fußboden. Das Klirren hört er nicht mehr, denn er ist in sich zusammengesackt. Sein Kopf liegt regungslos vorneüber auf seiner Brust, die Hände hängen schlaff an seiner Seite herab. Und aus der kleinen Wunde fällt ein einsamer Blutstropfen auf den Boden.

Der Durchgang

Geblendet wenden sich meine drei Begleiter vom Lichtstrahl ab. „Leuchte nach vor!“, ruft Günther und gib mir zugleich ein „Beindi“ auf den rechten Oberarm. „Au! Spinnst du komplett?“, rufe ich zurück, aber Günther ist es egal, er setzt gerade zum zweiten Schlag gegen meinen Oberarm an. Diesmal geht der Hieb ins Leere, denn ich bewege mich mit einem schnellen Schritt vorwärts und leuchte die große Halle vor uns aus. Uralte verrostete Maschinen, von denen keiner mehr sagen kann, zu welchem Zweck sie einstmals dienten, geschweige denn, wie alt sie waren. Jahrzehntealter Rost hat seine Arbeit gut gemacht und die Gebilde aus Eisen und Stahl zu surrealen Kunstwerken der Dunkelheit werden lassen. Der Lichtschein meiner Taschenlampe zaubert bizarre Schatten auf die Ziegelmauern der Halle. Langsam bewege ich mich weiter und auch Günther hat sein Interesse an meinem Oberarm verloren, denn er versucht Anschluss zu halten. Zugleich drängen ihn die beiden anderen Jungen schneller weiterzugehen, denn sie sehen kaum etwas in der Dunkelheit. „Wohin gehst du denn?!“, höre ich eine helle Stimme weit hinter mir rufen und ich bleibe stehen. „Na da entlang“, dabei leuchte ich mit meiner Taschenlampe direkt auf einen Durchgang, der zu einer anderen Halle führt. „Da kommen wir nicht weiter! Gehen wir wieder nach rechts, dort, wo wir schon mal hinuntergekommen sind!“, ruft eine weitere helle Stimme. Es ist Norberts Stimme, ich erkenne sie, ohne hinzusehen, denn Norbert ist, der erste von uns der vom Stimmbruch heimgesucht wurde. Ich verkneife mir ein Lachen und versuche laut und klar zu sprechen. Denn ich habe die Taschenlampe und gehe voraus. Und fürchte mich nicht. „Ich hab mir das nochmals genau angesehen!“, rufe ich zurück. „Ja und?!“, ruft der dritte Begleiter. Der Strahl meiner Lampe leuchtet weiterhin in die Richtung, in die ich gehen möchte. „Hier muss noch ein weiterer Durchgang sein, da bin ich mir sicher!“, rufe ich nun laut, denn ich hoffe, mit Lautstärke meine Zweifel zu unterdrücken. Jetzt nur keine Schwäche zeigen, sage ich mir, denn ich will die Führung nicht abgeben. „Also, ich will lieber den alten Weg gehen. Ich bin mir sicher, dass wir einen Abgang übersehen haben!“, ruft nun wieder Norbert, der sich mir nähert. Er will mir sicher die Taschenlampe aus der Hand nehmen und deshalb gehe ich, ohne auf weitere Proteste zu achten, schnell weiter. Ich habe die Lampe und wenn die drei, in der Dunkelheit den Weg alleine zurückgehen wollen, dann können sie es so haben. Zuviel Zeit haben wir schon mit der Suche nach dem Abgang in das 5. Untergeschoss verschissen. Nun ist es Zeit, einen anderen Weg zu suchen. Ich war gestern alleine hier und habe hinter einer der großen verrosteten Maschinen einen Durchgang gefunden. Einen Durchgang, den wir noch nicht komplett erforscht hatten. Ich weiß, dass nach einigen Metern eine Mauer den Durchgang versperrt. Darum haben wir uns nicht mehr weiter um diese Wegoption gekümmert. Damals, als wir begonnen hatten diese gewaltige Ruine, am Rande des großen Auwaldes, zu erforschen. Wir wollten schon viel früher auf Entdeckungsreise gehen, aber unsere Mütter, besonders die meine, bestand damals darauf, dass wir uns alle zwei Stunden persönlich daheim melden mussten. Es hatte den Anschein, dass sie genau wussten, was wir vorhatten. Ich habe einmal darauf vergessen mich in der vorgeschriebenen Zeit zu melden und musste danach drei Wochen Hausarrest absitzen. „Kommt ihr Hosenscheisser!“, rufe ich während ich wieder dem Strahl der Lampe, in Richtung des Durchganges, folge. Meine Begleiter protestieren ein wenig, aber sie haben genug zu tun, um mir zu folgen. Ein kurzes Lächeln huscht über mein Gesicht. Und während ich weiterleuchtend voranschreite … fürchte ich mich nicht.

Jetzt

Kälte. Mühsam öffnet er seine Augen. Er braucht vier Versuche, dann gelingt es ihm, die schweren Augenlider einen kleinen Spalt zu öffnen. Seine direkte Umgebung scheint wie in einem dicken Nebel gepackt zu sein. Umrisse seines Tisches, der sich direkt vor ihm befindet, zeichnen sich verschwommen ab. Ein helles Rechteck hebt sich vom dunkelbraun seines Holztisches ab. Es dauert einige Momente, bis er realisiert, dass er sich wieder in seiner kalten Wohnung befindet. Mühsam, mit einer schier unmenschlichen Kraftanstrengung, hebt er seine rechte Hand und wie ein Roboter auf Meskalin, lässt er die Hand auf den Tisch fallen. Ein dumpfes Klatschen gepaart mit einem kleinen Schmerz dringt durch den Raum und sein Gehirn. Er spürt die glatte Oberfläche des Papiers und er erinnert sich daran, dass er ja etwas schreiben wollte. An das kann er sich noch tief in seinem Gehirn erinnern. Seine rechte Hand versucht den Zettel zu nehmen um ihn sich vor seine, noch immer zu schmalen Schlitzen geformten Augen, zu führen. Ein Anfall von Unwohlsein überkommt ihn, da er außer seiner rechten Hand nichts bewegen kann. Weder kann er seine Augen weiter öffnen, noch seine linke Hand zur Hilfe nehmen. Er will fluchen, aber seine Zunge fühlt sich an als wäre sie ein eigenständiger Organismus, der sich gerade im Tiefschlafmodus befindet. Er spürt, wie ihm der Speichel im Mund zusammenläuft und nur unter größter Anstrengung kann er die schleimige Ansammlung störender Körperflüssigkeit hinunterschlucken. Es kratzt aber er lenkt seine ganze Aufmerksamkeit auf seine rechte Hand, die noch immer versucht das Papier irgendwie festzuhalten. Nach mehrmaligen Anläufen schafft er es den Zettel zu packen. Das Knistern des Papieres durchdringt die unheimliche Stille des kalten Zimmers. Er spürt, wie ihm der kalte Schweiß den Rücken herab läuft. So sehr er sich auch bemüht seine Augen weiter zu öffnen, es gelingt ihm nicht. In seinen Gedankenreflektionen sieht er sich auf dem Sessel in seinem Zimmer sitzen. Unfähig sich zu bewegen, unfähig die Augen weiter zu öffnen und unfähig sich akustisch bemerkbar zu machen. Die leichte Panik geht ansatzlos in Verwirrung über. Er fragt sich, ob er beim Suizidversuch etwas falsch gemacht hat und er nun gelähmt bleiben wird. Aber das Gefühl des Papiers, welches er in seiner rechten Hand hält, lässt ihn diesen Gedanken verwerfen. Verwerfen, aber nicht ruhiger werden. Unbewusst umklammert er diesen Zettel wie ein Ertrinkender den Rettungsring. Er versucht tief einzuatmen. Dabei schmerzt seine Brust als würden Tausende Dämonen darauf sitzen. Er nimmt alle seine Kraft zusammen. Dies ist wahrlich nicht viel und hebt mit einem verzweifelten Ruck seine rechte Hand. Als er bemerkt, dass ihm dies Unterfangen gelingt, kommt wieder Hoffnung in ihm auf und er geht noch einen Schritt weiter. Er hebt wie in Zeitlupe die Hand mit dem Zettel und führt sie ganz nahe an sein Gesicht heran. Kurz, nachdem die Hand, mit dem Zettel, die Kälte des Tisches verlassen hat, kommt wieder etwas Hoffnung auf. Langsam, unendlich langsam nähert sich die Hand seinen Augen. Er kann nun schemenhaft erkennen, dass etwas auf dem Zettel geschrieben steht. Während er weiter versucht das Blatt Papier noch näher zu seinen kaum geöffneten Augen zu bringen, drehen sich seine Gedanken um andere Dinge. Was steht darauf? Und vor allem: Wer hat auf dem Zettel geschrieben? Denn er kann sich an nichts mehr erinnern. Das Letzte, an das er sich noch erinnern kann, ist, wie er das Militärmesser genommen und es sich an seinem Handgelenk angesetzt hat. Er weiß auch genau, warum er das getan hatte. Aber es fehlt ihm, so sehr er sein wirres Gehirn noch zermartert, die Erinnerung daran, dass er noch etwas geschrieben hat. Aktiv unterbricht er seine Gedankenreflektionen, bevor sie sich noch weiter verselbstständigen und er wahnsinnig wird, und widmet sich weiter seiner rechten Hand, die nun immer klarer im Nebel seines Gesichtsfeldes auftaucht. Er kann nun auch einige Buchstaben auf dem zerknüllten Zettel erkennen, aber mehr als ein paar krakelige Buchstaben kann er nicht darauf ausmachen, dafür ist der Zettel zu zerknittert und noch zu weit von seinen Augen entfernt. Mitten in der Hoffnung, es so zu schaffen, verlassen ihn die Kräfte und seine rechte Hand fällt, der Schwerkraft folgend, herab. Aus den Augenwinkeln sieht er wie der Zettel aus seiner Hand gleitet und auf den Holzboden fällt. Die Hoffnung fährt aus seinem Leib und sein Kopf landet wieder auf seiner Brust, dabei schließt er resignierend seine Augen. Er atmet sehr flach, denn der Druck auf seiner Brust hält noch an. In seinem Kopf beginnen sich die Gedanken, nun der Kontrolle beraubt, zu verselbstständigen. Wirre Wortfetzen und Satzfragmente hallen durch seinen Schädel. Es scheint als hätten all seine Synapsen zugleich auf Kommunikation geschaltet. So sehr er sich auch bemüht Ordnung in das Chaos zu bringen, es gelingt ihm nicht. Er resigniert und lässt aus. Nun ungebremst beginnen die Stimmen in seinem Kopf, die unzusammenhängenden Wörter lauter zu werden. Sie entwickeln, wie aus dem Nichts einen Rhythmus, eine Melodie der sinnlosen Wörter. Hilflos wie ein Passagier in einem abstürzenden Flugzeug, des aktiven Eingreifens beraubt, gibt er sich dem nahen Wahnsinn hin. „adewuf … erfewt … frib … fre … Freya … ya … Freya hegen yse Hedentra. Regin, Fafnir, Heimdallar. Har un up en Midgardir, Thund en har en Loddfafnir. Magni, Modi han Ödörir, Sleipnir en han gallopir. Wali, Fenris, Odin en Walkür, Gjallr starir, Wallhal en Einherjer, Rangnarok han hel fririr.“ Stille Er spürt die Tränen welche ihm nun ungehemmt aus seinen fast blinden Augen treten. Auch bemerkt er, dass er wieder etwas denken kann, dass ihm die Stimmen in seinem Kopf wieder einen Platz zum Denken lassen. In dem Moment, als er sich fragen will, was das alles war und woher er diese Melodie und dieses Lied kennt, brüllt eine helle Stimme in seinem Kopf: „Was hast du getan?!!!“

Unbekanntes Terrain

Der Strahl meiner Taschenlampe huscht über den Boden. Ziegelfragmente, Dreck und alter verrotteter Müll werfen bizarre Schatten. Es riecht penetrant nach Moder und Schimmel. Erst ein lauter Ruf einer Kinderstimme lässt meinen Forschergeist zügeln. „So wart doch!!!“, brüllt einer meiner Begleiter hinter mir her. Ich bleibe stehen und leuchte zurück. Im Lichtkegel der Lampe sehe ich, wie Robert mit Kreide etwas an die feuchte Ziegelwand schreibt. „Was machst denn Depperter?!“, rufe ich ungeduldig zurück. „Hier waren wir noch nie!“, ruft Robert zurück und steckt das Kreidestück wieder zurück in die Seitentasche seiner schmutzigen Jeans. Neugierig gehe ich zurück und leuchte die Wand an. Der Strahl der Lampe beleuchtet einen Pfeil und ein Wort. „Für was soll denn das gut sein?“, frage ich Robert. „Das mache ich bei jeder Abbiegung. Oder willst du Depp dich hier verirren?“, gibt Robert zur Antwort. „Gute Idee“, sagt Norbert, der sich zwischen mir und Robert drängt und mir ansatzlos ein Beindi auf den rechten Oberarm gibt. „Au!“, und ich gebe Norbert einen Schlag mit der Taschenlampe, die daraufhin kurz aussetzt. „Mach die nicht kaputt!“, ruft Norbert, der sich synchron mit mir den Oberarm reibt. „Dann hättet ihr eben nicht auf eure Lampen vergessen sollen“, gebe ich zur Antwort und leuchte wieder die Wand mit Roberts Gekraxel an. „Du weißt, dass meine Mutter wie ein Wachhund ist und mich jedes Mal kontrolliert, wenn ich in den Hof spielen gehe“, wirft Norbert ein. Ich erinnere mich, dass auch meine Mutter, wenn nicht schlimmer in der Kontrolle ist. Aber ich lasse das Argument nicht gelten, denn ich habe es schlussendlich ja auch geschafft die Taschenlampe, die Reservebatterien und das Pfadfindermesser außer Haus zu schmuggeln. „Ist mir doch egal!“, gebe ich zur Antwort und leuchte die Wand weiterhin an. „Was Besseres hast nicht schreiben können?“, frage ich Robert und leuchte auf das große „Fut“, das Robert unter dem Pfeil geschrieben hat. „Kümmer dich um deinen Scheiss. Gemma jetzt weiter oder was? Ich muss um fünf wieder daheim sein“, zischt mir Robert ins Gesicht und ich drehe mich etwas beleidigt wieder um und übernehme wieder die Spitze. Ich bin nicht wegen der Wortmeldung beleidigt, sondern, weil ich keine Kreide mitgenommen habe. Dass mir Robert seine borgt, damit ich auch etwas Ordinäres an die Wände schreiben kann, verwerfe ich, denn unter uns wurden selten wichtige Dinge wie: Kreide, Taschenlampe, Messer u.ä. hergeborgt. Das waren die wertvollsten Schätze unserer Zeit. Ich trete frustriert einen Stein, der im Dunkel vor mir verschwindet. Seltsamerweise macht er keine großen Geräusche. In den anderen Durchgängen und Hallen, die wir kannten, herrschte immer ein großes Echo, aber hier war etwas anderes. Ich will meine Freunde fragen ob sie es auch bemerkt haben, da höre ich Günther rufen, der das Ende der kleinen Karawane übernommen hatte. „Was ist, gemma lieber Fußball spielen in den Käfig. Hier ist es mir zu kalt!“ „Feigling“, zischt Norbert, der dicht hinter mir geht. Günther protestiert, aber seine Proteste gehen im Gesang der Freunde unter: „Hosenscheisser, Wadelbeisser.“ Ich spüre, dass Günther irgendwie recht hat, aber ich will mir jetzt keine Blöße geben. Ich will nicht ausgespottet werden. Trotzdem spüre ich den Forscher gegen den Kicker in mir noch einige Schritte kämpfen. Ich überlege mir auch kurz, ob ich nicht einen Defekt der Taschenlampe simulieren soll. Aber der Forscher in mir gewinnt und ich gehe nun etwas schneller weiter, bis ein großer Schutthaufen das Weitergehen scheinbar unmöglich macht. Hier ist der Durchgang zusammengestürzt. Ich atme erleichtert auf, denn nun brauche ich keinen Lampendefekt mehr vorspielen, ich sehe mich schon im Sonnenschein Fußballspielen. Da reißt mich ein: „Da auf der rechten Seite ist ein Loch frei!“, von Norbert rufen. Ich verfluche ihn. Gedanklich natürlich, und wiederwillig leuchte ich mit der Lampe auf den oberen, rechten Rand des Schuttkegels, der sich bis unter die Decke erstreckt. Im Schein der Lampe tut sich ein etwa zwei Meter breiter Schatten auf, der bei genauerer Betrachtung ein Loch sein kann. Nun gewinnt der Forscher vollends und ich steige so schnell ich kann den Schuttkegel, der etwa sechs Meter hoch ist, hinauf. Als ich oben angekommen bin, schwitze ich trotz der Kälte, die hier vorherrscht, denn ich brauchte drei Schritte um einen einzigen vorwärtszukommen. Ich leuchte in den dunklen Schatten und es ist wirklich ein Loch. Hinter mir höre ich die drei Freunde keuchen und ich rieche Norberts schlechten Atem, so knapp steht er hinter mir. „Was ist, willst budern?“, fahre ich ihn an. Ich bekomme keine Antwort, sondern ein weiteres Beindi auf den rechten Oberarm. Der Schmerz fährt mir bis unter die Schädeldecke und ich überlege kurz, ob ich Norbert die Schutthalde hinunterstoßen soll, aber ein Ruf Günthers unterbricht meine gedanklichen Racheaktionen. „Da wird meine Hose voller Dreck, das mache ich nicht!“ Ich kenne Günthers Mutter und ich kann ihn gut verstehen, denn meine ist auch so drauf, aber ich will mir keine Blöße geben. Mehr Beindis halte ich nicht aus, und besonders, dass ich dann als Mädchen bezeichnet werde, will ich nicht erdulden. „Scheiß dich nicht so an Günni“, zischt Robert. Günther drängt sich an der Gruppe vorbei und steht keuchend neben mir. Ich bemerke, wie er auf die Lampe greifen will und weiß, was er damit vorhat. „Nein!“, fahre ich ihn an. „Wir sind jetzt endlich einmal hier und haben einen neuen Weg gefunden. Vielleicht kommen wir so in das fünfte Untergeschoss. Willst nicht den STUKA sehen?“, füge ich noch hinzu und beuge mich weiter vor, damit ich besser in das Loch leuchten kann. „Bitte, ich will wieder raus hier“, höre ich Günther flüstern, aber ich tue so als überhöre ich es. Robert hat es aber gut gehört und will gerade Günther wieder als Mädchen bezeichnen, da fahr ich ihm hart in das Wort. „Halt ja die Klappe!“ Da ich mindestens um einen Kopf größer als Robert bin, hält er seinen Mund. Ich halte aber meine Taschenlampe fester, denn ich bin mir nicht sicher ob Günther sie mir nicht entreißen wird, damit er von hier abhauen kann. Nein, im Dunkeln will ich nicht den Weg, obwohl ich ihn nun kenne, zurückgehen. „Ruhe, da ist was!“, ruft nun Norbert und wir alle schweigen. Gerade als ich mich über Norbert lustig machen will, höre ich es ebenfalls.

Jetzt

Ihm wird schwarz vor den Augen und kleine Lichtblitze des nahenden Kreislaufkollapses zeigen sich. Er nutzt seine wiedererlangte Gedankenfreiheit und denkt sich: „Was ist los?“, und fällt aus seinem Sessel. Mit einem lauten Krachen schlägt er auf dem harten Boden auf. Da er kein Gefühl in seinen Händen hat, kann er sie zur Sturzmilderung nicht einsetzen. Also bremst seine Stirne den Sturz. Es dröhnt laut in seinem Kopf, und bevor er ohnmächtig wird, sieht er den Zettel direkt vor seinen Augen. Was er lesen kann, sind nur ein paar Worte: „Günther lebt“, und die Ohnmacht umfängt ihn …

So meine Lieben, das wars für heute.
Schöne Träume.
Euer Tom S. aus W.

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2 Gedanken zu “Achtung! Gefährliche Leseprobe des RUNA Epos.

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